Mittwoch, 19. November 2008

schon einige wochen her:


als ich aussteige, seh ich ihn nicht. einige minuten später kommt er die treppe zum sbahn-schacht herunter - so hatte ich ihn in erinnerung: die grüne jacke, die kapuze, die hände in den taschen.

im verlauf des tages springe ich oft zwischen zwei gefühlen hin und her: dieser mensch ist mir unvertraut und doch irgendwie vertraut.

wir schreiben den brief. wir erinnern uns an situationen, landschaften, ereignisse. wir lachen und erinnern uns und erinnern uns und lachen. und wir sagen: ja, island - das muss nochmal sein in diesem leben!

wir sitzen auf der bank. und während er spricht und erzählt und hustet, nimmt das holz der bank seine stimmung und das vibrieren seiner stimme auf. ich lehne mich zurück und mein körper wird zu einem resonanzkörper. ich spüre jedes wort im rücken, jedes seiner worte hallt wider in mir.

ich bin eigentlich kein theaterfan, das letzte stück, das ich gesehen habe, war death of a salesman und es war grauenhaft. er verabschiedet sich, sagt noch dass er sich freut dass ich da bin und geht durch die tür mit der aufschrift "kein zugang, nur für personal". ich weiss nicht ganz so viel mit mir anzufangen, gehe durch das kleine foyer und setze mich schliesslich in den kleinen halbrunden raum mit der offenen bühne. dort sitzt irgendwer wichtiges und erzählt irgendwelchen leuten von irgendwelchen künstlern mit irgendwelchen eigenarten, die irgendwann irgendwelche stücke in diesem theater aufführen liessen. irgendwann füllt sich das foyer und die private künstlerführung löst sich auf. ich bleibe sitzen und beobachte die leute, die es an zu dieser uhrzeit an diesen ort zieht.

und da steht er dann, der künstler-führer, und hält mir ein glas hin. ich bin zu überrascht, um den wein abzuschlagen und ich nehme wortlos das glas entgegen. wir stossen an und er stellt sich als häuptling des ladens vor. die führung eben, sowas muss sein, erzählt er. die leute wollen authentische lügen, sagt er. das mache er selber, das wollen die leute so. tapfer, sage ich. ja, sagt er. wir stossen noch einmal an und er erzählt mir kurz von seinem schaffen. jung und dumm, freischaffender künstler, dann verheiratet und eine engels-tochter, jetzt geschieden und fest im vertrag. ich denke mir total schlaue antworten aus, sehe die fragenden blicke der anderen menschen im raum und kann nicht einschätzen, wie bizarr die szene wirklich ist. wir sitzen so lange, bis es schellt und die leute die treppen hochstürmen. der wein schmeckt grässlich, er fragt, ob ich später noch hier bin und ich sage ohne bedauern: keine ahnung. vielleicht. er legt mir kurz die hand auf die schulter, sagt, er würde in erfahrung bringen wohin das ensemble heute abend noch zieht und ich schliesse mich mit einem wortlosen nicken den treppenmenschen an.
inmitten dieser menschen, die mich dort unten mit dem weinglas gesehen haben und mich anlächeln, fahre ich mit den fingern durch meine haare. es ist ein seltsames gefühl, ich hatte irgendwie erwartet, dass es mein bewusstsein in anderer weise trifft. ich hatte gedacht, es würde dauern, bis ich die sicherheit und bodenständigkeit wiedergefunden habe. das totale gegenteil ist der fall. ich gehe mit gestreckten schultern durch die welt, mit einem bewusstsein, das zufriedener und mehr ich selbst nicht sein könnte. ich gehe mit erhobenen kopf durch die welt und fühle eine kraft in mir, die mir kein hut der welt geben konnte.

dann sitze ich also auf diesem rang, reihe 1, platz 3. und als dieser mensch auf die bühne springt, da muss ich erst mal lachen. später dann bleibt mir das lachen irgendwo zwischen herz und verstand auf der strecke, das hatte ich nicht erwartet. ich weiss nicht, was ich erwartet hatte, das auf jeden fall nicht. und ich bin sprachlos und staune und bin ganz gefangen vom stück und der sehnsucht, die seine rolle verkörpert. es ist nur sein äußeres, was ihn erkennen lässt. und ab und an seine trotteligkeit, die er in grandioser weise umzusetzen weiß. aber oft fehlen mir einfach nur die worte.

nach dem stück dann, als sich alle hundertmal verbeugen und wiederkommen udn wieder verbeugen und wieder wiederkommen, sucht sein blick den rang an. irgendwann sieht er mich und lacht mir zu. was für ein augenblick.

als er in der maske verschwindet, warte ich im foyer. in der hoffnung, dass der künstler von vorhin mich hier nicht findet. meine hoffnung wird bestätigt und zusammen mit den anderen schauspielstudenten ziehen wir in die stadt. wir sitzen dann in dieser kneipe und mir wird die gratwanderung zwischen rolle und sein, zwischen gesehener rolle und erfahrenem sein, bewusst. ein student ist dabei, der mir auf der bühne durch sein lockeres und wahnsinnig sympatisches spiel aufgefallen ist. sobald sich im kleinen vorraum der kneipe die möglichkeit ergibt, den platz zu wechseln, stehe ich auf. ein mensch, mit dem ich so nichts anfangen kann und der eine nicht-sympathie ausstrahlt, die bei mir auf fruchtbaren boden fällt.

wir sitzen nebeneinander, schulter an schulter und er stellt mir die leute vor, erzählt von den running gags und vor allem von premiere- und derniere-gags. ab und zu legt er mir im eifer des gesprächs die hand auf den arm oder aufs knie, und das gefällt mir. wir sind uns nah, aber trotzdem bleibt das gefühl, dass dies ein mensch ist, dessen inneres stückweise und ein wenig vertraut, aber dessen art zu leben fremd ist. der wein in verbindung mit tabletten bereitet mir magenschmerzen und lässt mich still werden. das ist okay.

während er die flasche sucht und gläser zusammenspült, sitze ich auf dem stuhl und beobachte ihn. seine wohnung. es ist die natürlichkeit. es ist das authentische. es ist das wahre an ihm, das mich auch damals schon berührt hat. und seit dem nicht losgelassen hat. ich denke an meine stadt, in der alternative individualität gefeiert und in massen zelebriert wird. in der oberflächlichkeit der grundstein für gemeinsames individuell-sein ist. und mein herz wird ganz ruhig und mein kopf wird ganz leicht. er ist das, was er lebt und er lebt, was er ist. er ist einfach. er ist er. diese wahrheit, die steht in einem seltsamen widerspruch zu dem, was er sein möchte - ein schauspieler. oder aber man braucht gerade diese wahrheit, um andere zu sein. im verlauf der wodka-flasche wird mir bewusst, dass ich innerhalb der letzten stunden einen einblick in sein gesamtes leben bekommen habe. im laufe der letzten jahre habe ich versucht, dieser person, die ich damals im tiefen norden kennengelernt habe, ein leben zuzuordnen. ein natürlicher vorgang und nicht, wie ich zunächst angenommen hatte, ein aufbau von illusionen.

er kommt auf das thema familie und erzählt von seiner freundin. ich habe respekt vor dem, was er sich aufgebaut hat. ich nehme diesen respekt in beide hände und halte ihn fest, irgendwo zwischen herz und verstand und hoffe, dass er mir nicht mehr verloren geht .

auf der zugfahrt zurück in den gefeierten individualismus bereue ich kurz, keine bücher und unterlagen mitgenommen zu haben. das "kurz" ist wirklich sehr kurz - diese auszeit habe ich bitter benötigt. der hochschul-streik steht vor der tür und ich frage mich, ob es anders wird danach.

einen tag später stehe ich im bad und halte eine braune mütze in den händen. ich setze sie auf, schaue in den spiegel und keine zwei sekunden später halte ich sie wieder in den händen: diese zeit ist vorbei. ich laufe dann die treppen am freiburger bahnhof hoch und seh ihn schon von weitem.
ich freue mich sehr, ihn zu sehen und wir laufen durch die stadt. ich zeige ihm die freiburger ecken, von denen ich annehme, das sie ihm gefallen könnten. er erzählt von seinen träumen und von dem, was er in seiner stadt vermisst. das flair, das dort fehlt. das student-sein, das dort fehlt.

wie uns das hirn weich wird.

wir stehen dann am bahnhof und ohne nachzudenken ziehe ich den gutschein aus der tasche. lange habe ich ihn mit mir rumgetragen, lange hab ich ihn nicht einlösen wollen. bei ihm ist er gut aufgehoben. wir sitzen nebeneinander und mir kommen die tränen, so lachen muss ich. es ist die situationskomik, die mit ihm so herrlich funktioniert.

der abschied ist dann anders als am tag zuvor. dieses mal ist es wieder ein abschied für länger. keiner weiss, wann wir uns das nächste mal wiedersehen. durch die scheibe wirft er mir eine kusshand zu, ohne nachzudenken tue ich das gleiche. er fängt den kuss auf. eine geste, die sich einbrennt in herz und verstand.

ich laufe durch die dunkle stadt und halte all das fest. und denke, wie zerbrechlich doch alles ist und gleichzeitig auch eben wieder nicht.

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